Abstrakte dunkle Wellen mit feinen Lichtpunkten

Wenn die Therapie nicht wirkt: Warum oft die Diagnose das Problem ist

Wenn die Therapie nicht wirkt: Warum oft die Diagnose das Problem ist

Manche Behandlungen laufen leitliniengerecht und wirken trotzdem nicht. Häufig liegt es nicht an der Therapie, sondern daran, was vorher übersehen wurde.

Manche Behandlungen laufen leitliniengerecht und wirken trotzdem nicht. Häufig liegt es nicht an der Therapie, sondern daran, was vorher übersehen wurde.

Abstrakte dunkle Wellen mit feinen Lichtpunkten
Abstrakte dunkle Wellen mit feinen Lichtpunkten

Es gibt Behandlungen, die alles richtig machen und trotzdem nicht wirken. Die Therapeutin arbeitet leitliniengerecht, der Patient kommt zuverlässig, beide strengen sich an. Und nach drei Jahren steht der Mensch ungefähr dort, wo er angefangen hat.

Wenn das passiert, liegt es selten an mangelndem Können. Es liegt daran, dass an der falschen Stelle gearbeitet wurde. Und das entscheidet sich lange vorher, bei der Diagnostik.

Vier Übersetzungen zwischen Ihnen und Ihrer Akte

Ein Mann kommt in die Sprechstunde und sagt: Ich kann mich zu nichts mehr aufraffen. Ich schlafe schlecht, ich freue mich über nichts, morgens aufzustehen kostet mich alles.

Was daraus wird, entscheidet sich in den nächsten zwanzig Minuten. Auf dem Weg von dem, was er erlebt, zu dem, was am Ende in seiner Akte steht, liegen vier Übersetzungen.

Vom Erleben zur Aussage. Er muss in Worte fassen, was in ihm vorgeht, und wählt dabei aus, ohne es zu merken. Er sagt, was ihm wichtig erscheint, was er für relevant hält, was er glaubt, dass man hier hören will. Was er nicht sagt, existiert für die Untersuchung nicht.

Von der Aussage zum Symptom. Aus „ich kann mich zu nichts aufraffen“ wird Antriebsminderung. Aus „ich freue mich über nichts“ wird Anhedonie. Diese Übersetzung ist notwendig, ohne gemeinsame Sprache gibt es keine Verständigung. Aber sie kostet: Die Fachbegriffe sind gröber als das, was gemeint war.

Vom Symptom zum Syndrom. Antriebsminderung, Anhedonie, Schlafstörung und Interesseverlust ergeben zusammen das depressive Syndrom. Ab hier verschwindet, welches Symptom zuerst da war und welches sich aus welchem entwickelt hat.

Vom Syndrom zur Diagnose. Das Syndrom bekommt einen Namen und eine Ziffer. Damit ist es abrechenbar, dokumentierbar, kommunizierbar. Und es sieht aus wie eine Erkenntnis.

Auf jeder Stufe geht etwas verloren, und das ist unvermeidbar. Problematisch wird es erst, wenn man am Ende vergisst, dass am Anfang eine Aussage stand. Nichts Gemessenes. Eine Aussage.

Warum das in der Psychiatrie schwerer wiegt als anderswo

In der somatischen Medizin gibt es Ankerpunkte außerhalb der Erzählung. Ein Blutbild ist ein Blutbild. Ein Röntgenbild zeigt einen Bruch oder keinen. Die Untersuchung kann bestätigen oder widerlegen, was jemand berichtet.

In der psychiatrischen Diagnostik fehlt dieser Anker weitgehend. Es gibt kein Laborverfahren für Depression, keine Bildgebung für ADHS, keinen Marker für eine Persönlichkeitsstörung. Was wir haben, ist das Gespräch, die Beobachtung und standardisierte Verfahren, die ihrerseits auf Selbst- oder Fremdauskunft beruhen.

Das ist keine Schwäche des Fachs, sondern die Natur des Gegenstands. Psychisches Erleben ist nicht direkt zugänglich. Aber es hat eine Konsequenz, die zu selten ausgesprochen wird: Wo nicht gemessen werden kann, muss umso sorgfältiger geschlossen werden.

Sorgfältig schließen heißt, mehrere unabhängige Zugänge zu nutzen und zu prüfen, ob sie in dieselbe Richtung weisen. Ein einzelner Zugang bleibt ein einzelner Zugang, und sei er noch so standardisiert.

Der Fall, an dem es kippt

Zurück zu dem Mann. Die Untersuchung geht weiter, und es kommt heraus:

Vor zwei Jahren hatte er einen schweren Unfall. Seitdem meidet er Autofahrten. Erst die Strecke, auf der es passierte. Dann Autobahnen. Dann das Auto überhaupt. Er stieg auf öffentliche Verkehrsmittel um, bis ihm auch die zu voll wurden. Er begann, Wege zu vermeiden, sagte Verabredungen ab, ging seltener aus dem Haus. Kollegen luden ihn irgendwann nicht mehr ein. Der Freundeskreis wurde kleiner. Nach anderthalb Jahren dieser Entwicklung stellten sich Antriebslosigkeit, Freudlosigkeit und Schlafstörungen ein.

Die depressive Symptomatik ist real. Die Diagnose ist nach den Kriterien korrekt. Wer sie stellt, macht keinen Fehler im engeren Sinne.

Und trotzdem führt sie in die falsche Richtung. Denn die Depression ist hier nicht die Erkrankung, sondern die Folge einer Vermeidungsspirale, die ihrerseits Folge einer unbehandelten Traumafolgestörung ist.

Eine Behandlung, die auf die Depression zielt, arbeitet gegen einen Strom, der weiter fließt. Sie kann kurzfristig etwas bewirken. Aber solange die Vermeidung besteht, entsteht die Depression immer wieder neu.

Das ist der Mechanismus hinter den drei Jahren. Nicht Unfähigkeit. Nicht mangelnde Mitarbeit. Sondern eine Behandlung, die auf ein Symptom zielt, während die Ursache unangetastet weiterläuft.

„Man kann jahrelang das Richtige tun und trotzdem an der falschen Stelle.“

Was ein Störungsmodell leistet

Ein Störungsmodell beantwortet die Fragen, die eine Diagnose offenlässt. Es fragt nicht: Welchen Namen hat das? Sondern: Wie ist es entstanden, was hält es aufrecht, und wo kann man ansetzen?

Dafür braucht es drei Arten von Faktoren.

Prädisponierende Faktoren sind das, was jemanden anfällig gemacht hat, bevor überhaupt etwas geschah. Frühe Erfahrungen, Bindungsmuster, körperliche Konstitution, gelernte Bewältigungsstrategien. Sie erklären, warum zwei Menschen dasselbe Ereignis erleben und der eine erkrankt, der andere nicht.

Auslösende Faktoren sind das Ereignis, das den Anfang markiert. Bei unserem Mann der Unfall. Sie sind oft das, was Patienten selbst als Ursache benennen, und selten die ganze Geschichte.

Aufrechterhaltende Faktoren sind das, was dafür sorgt, dass es nicht von selbst wieder aufhört. Hier liegt der Schlüssel. Bei dem Mann ist es die Vermeidung: Jedes Mal, wenn er einen Weg nicht antritt, sinkt kurzfristig die Anspannung, und langfristig wird die Welt enger. Die Erleichterung im Moment ist genau das, was das Muster stabilisiert.

Diese drei Ebenen zu trennen, ist nicht akademisch. Sie führen zu unterschiedlichen Behandlungsansätzen. Prädisponierende Faktoren lassen sich nicht ändern, aber verstehen. Auslösende Faktoren sind vergangen, aber verarbeitbar. Aufrechterhaltende Faktoren sind das, woran eine Behandlung tatsächlich ansetzen kann. Deshalb müssen sie benannt sein, bevor man beginnt.

Was eine Diagnosenliste verschweigt

Ein zweiter Punkt, den ein Störungsmodell leistet: Es beschreibt Beziehungen.

Wenn jemand drei Diagnosen hat, sagen wir Depression, soziale Angststörung und eine Alkoholproblematik, dann steht in der Akte eine Aufzählung. Was dort nicht steht, ist die Frage, die alles entscheidet: Wie hängen die drei zusammen?

Trinkt er, weil er depressiv ist? Ist er depressiv, weil das Trinken sein Leben zerstört hat? Meidet er Menschen, weil er sich für das Trinken schämt? Oder trinkt er, um Menschen ertragen zu können?

Jede dieser Konstellationen führt zu einer anderen Behandlung. Und die Diagnosenliste sagt über keine davon etwas aus. Sie benennt drei Zustände und schweigt über ihre Beziehung.

Vier Zugänge statt einer Erzählung

Wenn das Gesagte allein nicht trägt, braucht es mehr. In unserer Praxis sind es vier Zugänge, die sich gegenseitig prüfen.

Die eigene Schilderung bleibt der Ausgangspunkt und der wichtigste Zugang. Aber sie wird ausführlich erhoben, nicht abgefragt: Entwicklung, Schule, Beziehungen, Arbeit, Erkrankungen, frühere Behandlungen. Vieles, was entscheidend ist, taucht erst auf, wenn Zeit dafür da ist.

Die Sicht von außen. Angehörige, Partnerinnen, Unterlagen aus früheren Lebensabschnitten. Nicht, weil man Patienten misstraut, sondern weil Selbstwahrnehmung systematisch verzerrt ist, bei allen Menschen, in alle Richtungen. Wer sich seit zehn Jahren für faul hält, berichtet anders als jemand, der dieselben Schwierigkeiten für eine Erkrankung hält.

Standardisierte Verfahren. Sie ersetzen das Urteil nicht, aber sie schaffen Vergleichbarkeit. Ein Testergebnis sagt, wo jemand im Verhältnis zu anderen steht. Das ist mehr, als ein Eindruck leisten kann.

Der klinische Eindruck. Der am meisten unterschätzte Zugang. Was wie Intuition wirkt, ist verdichtete Erfahrung: Wer über Jahre tausende Menschen in psychischen Ausnahmezuständen gesehen hat, erkennt Muster, bevor er sie benennen kann. Dieser Eindruck ist kein Beweis und darf nie allein stehen. Aber er zeigt, wo man genauer hinsehen muss.

Erst wenn diese vier Zugänge in dieselbe Richtung weisen, ist eine Einschätzung belastbar. Gehen sie auseinander, ist das kein Problem, sondern eine Information: Dann stimmt an der ersten Hypothese etwas nicht.

Zwei Fragen, die dazugehören

Zwei Fragen gehören zu einer vollständigen Untersuchung, die außerhalb der Gutachtenwelt selten gestellt werden.

Passt die Darstellung zum Befund? Nicht als Misstrauensfrage, sondern als methodische Selbstverständlichkeit. Menschen stellen sich unbewusst anders dar, wenn viel von einer Einschätzung abhängt, und zwar in beide Richtungen. Manche untertreiben aus Scham. Andere betonen stärker, weil sie fürchten, nicht ernst genommen zu werden. Beides ist menschlich, und beides muss man mitdenken.

Was ändert sich, wenn die Diagnose gestellt ist? Diagnosen haben Folgen jenseits der Behandlung. Sie können entlasten, weil endlich ein Name da ist. Sie können Ansprüche begründen. Sie können aber auch zu einem Teil der Identität werden, an dem festzuhalten schwerer wiegt als gesund zu werden. Wer das nicht mitbedenkt, übersieht einen Faktor, der den Verlauf mitbestimmt.

Diese Fragen zu stellen bedeutet nicht, Beschwerden anzuzweifeln. Es bedeutet, den Menschen ernster zu nehmen als seine Diagnose.

Drei Fragen, die Sie sich stellen können

Wenn Sie in Behandlung sind und das Gefühl haben, dass sich nichts verändert, ist das ein ernstzunehmender Hinweis. Nicht weil Sie es besser wüssten, sondern weil Sie die einzige Person sind, die über alle Ihre Lebensjahre verfügt.

Erklärt die Diagnose alles, was Sie erleben? Wenn regelmäßig etwas übrigbleibt, das nicht dazu passt, ist das ein Hinweis.

Wurde nach der Vorgeschichte gefragt? Nicht nach den letzten sechs Monaten, sondern nach dem Leben davor. Wenn nicht, fehlt eine ganze Ebene.

Wissen Sie, was Ihre Beschwerden aufrechterhält? Wenn Sie diese Frage nicht beantworten können, existiert vermutlich kein Störungsmodell. Und dann arbeitet die Behandlung mit einem Namen statt mit einer Erklärung.

Wie wir arbeiten

Am Ende unserer Untersuchung steht nicht nur eine Einordnung nach ICD-Kriterien. Es steht ein Modell: wie die Beschwerden entstanden sind, was sie aufrechterhält, wie sie zusammenhängen und wo eine Behandlung ansetzen kann.

Dieses Modell steht im Befund, in einer Sprache, die Sie verstehen und mit der Ihre Behandler arbeiten können. Es kann bestätigen, was Sie bereits wussten. Es kann auch ergeben, dass etwas anderes vorliegt.

Eine Abklärung, die beides zulässt, ist die einzige, die sich lohnt.

Wenn Sie unsicher sind, ob eine Abklärung in Ihrem Fall sinnvoll ist: Wir klären das in einem kostenfreien Orientierungsgespräch. Darin sagen wir Ihnen auch, wenn eine Untersuchung bei uns nicht das Richtige wäre.

Es gibt Behandlungen, die alles richtig machen und trotzdem nicht wirken. Die Therapeutin arbeitet leitliniengerecht, der Patient kommt zuverlässig, beide strengen sich an. Und nach drei Jahren steht der Mensch ungefähr dort, wo er angefangen hat.

Wenn das passiert, liegt es selten an mangelndem Können. Es liegt daran, dass an der falschen Stelle gearbeitet wurde. Und das entscheidet sich lange vorher, bei der Diagnostik.

Vier Übersetzungen zwischen Ihnen und Ihrer Akte

Ein Mann kommt in die Sprechstunde und sagt: Ich kann mich zu nichts mehr aufraffen. Ich schlafe schlecht, ich freue mich über nichts, morgens aufzustehen kostet mich alles.

Was daraus wird, entscheidet sich in den nächsten zwanzig Minuten. Auf dem Weg von dem, was er erlebt, zu dem, was am Ende in seiner Akte steht, liegen vier Übersetzungen.

Vom Erleben zur Aussage. Er muss in Worte fassen, was in ihm vorgeht, und wählt dabei aus, ohne es zu merken. Er sagt, was ihm wichtig erscheint, was er für relevant hält, was er glaubt, dass man hier hören will. Was er nicht sagt, existiert für die Untersuchung nicht.

Von der Aussage zum Symptom. Aus „ich kann mich zu nichts aufraffen“ wird Antriebsminderung. Aus „ich freue mich über nichts“ wird Anhedonie. Diese Übersetzung ist notwendig, ohne gemeinsame Sprache gibt es keine Verständigung. Aber sie kostet: Die Fachbegriffe sind gröber als das, was gemeint war.

Vom Symptom zum Syndrom. Antriebsminderung, Anhedonie, Schlafstörung und Interesseverlust ergeben zusammen das depressive Syndrom. Ab hier verschwindet, welches Symptom zuerst da war und welches sich aus welchem entwickelt hat.

Vom Syndrom zur Diagnose. Das Syndrom bekommt einen Namen und eine Ziffer. Damit ist es abrechenbar, dokumentierbar, kommunizierbar. Und es sieht aus wie eine Erkenntnis.

Auf jeder Stufe geht etwas verloren, und das ist unvermeidbar. Problematisch wird es erst, wenn man am Ende vergisst, dass am Anfang eine Aussage stand. Nichts Gemessenes. Eine Aussage.

Warum das in der Psychiatrie schwerer wiegt als anderswo

In der somatischen Medizin gibt es Ankerpunkte außerhalb der Erzählung. Ein Blutbild ist ein Blutbild. Ein Röntgenbild zeigt einen Bruch oder keinen. Die Untersuchung kann bestätigen oder widerlegen, was jemand berichtet.

In der psychiatrischen Diagnostik fehlt dieser Anker weitgehend. Es gibt kein Laborverfahren für Depression, keine Bildgebung für ADHS, keinen Marker für eine Persönlichkeitsstörung. Was wir haben, ist das Gespräch, die Beobachtung und standardisierte Verfahren, die ihrerseits auf Selbst- oder Fremdauskunft beruhen.

Das ist keine Schwäche des Fachs, sondern die Natur des Gegenstands. Psychisches Erleben ist nicht direkt zugänglich. Aber es hat eine Konsequenz, die zu selten ausgesprochen wird: Wo nicht gemessen werden kann, muss umso sorgfältiger geschlossen werden.

Sorgfältig schließen heißt, mehrere unabhängige Zugänge zu nutzen und zu prüfen, ob sie in dieselbe Richtung weisen. Ein einzelner Zugang bleibt ein einzelner Zugang, und sei er noch so standardisiert.

Der Fall, an dem es kippt

Zurück zu dem Mann. Die Untersuchung geht weiter, und es kommt heraus:

Vor zwei Jahren hatte er einen schweren Unfall. Seitdem meidet er Autofahrten. Erst die Strecke, auf der es passierte. Dann Autobahnen. Dann das Auto überhaupt. Er stieg auf öffentliche Verkehrsmittel um, bis ihm auch die zu voll wurden. Er begann, Wege zu vermeiden, sagte Verabredungen ab, ging seltener aus dem Haus. Kollegen luden ihn irgendwann nicht mehr ein. Der Freundeskreis wurde kleiner. Nach anderthalb Jahren dieser Entwicklung stellten sich Antriebslosigkeit, Freudlosigkeit und Schlafstörungen ein.

Die depressive Symptomatik ist real. Die Diagnose ist nach den Kriterien korrekt. Wer sie stellt, macht keinen Fehler im engeren Sinne.

Und trotzdem führt sie in die falsche Richtung. Denn die Depression ist hier nicht die Erkrankung, sondern die Folge einer Vermeidungsspirale, die ihrerseits Folge einer unbehandelten Traumafolgestörung ist.

Eine Behandlung, die auf die Depression zielt, arbeitet gegen einen Strom, der weiter fließt. Sie kann kurzfristig etwas bewirken. Aber solange die Vermeidung besteht, entsteht die Depression immer wieder neu.

Das ist der Mechanismus hinter den drei Jahren. Nicht Unfähigkeit. Nicht mangelnde Mitarbeit. Sondern eine Behandlung, die auf ein Symptom zielt, während die Ursache unangetastet weiterläuft.

„Man kann jahrelang das Richtige tun und trotzdem an der falschen Stelle.“

Was ein Störungsmodell leistet

Ein Störungsmodell beantwortet die Fragen, die eine Diagnose offenlässt. Es fragt nicht: Welchen Namen hat das? Sondern: Wie ist es entstanden, was hält es aufrecht, und wo kann man ansetzen?

Dafür braucht es drei Arten von Faktoren.

Prädisponierende Faktoren sind das, was jemanden anfällig gemacht hat, bevor überhaupt etwas geschah. Frühe Erfahrungen, Bindungsmuster, körperliche Konstitution, gelernte Bewältigungsstrategien. Sie erklären, warum zwei Menschen dasselbe Ereignis erleben und der eine erkrankt, der andere nicht.

Auslösende Faktoren sind das Ereignis, das den Anfang markiert. Bei unserem Mann der Unfall. Sie sind oft das, was Patienten selbst als Ursache benennen, und selten die ganze Geschichte.

Aufrechterhaltende Faktoren sind das, was dafür sorgt, dass es nicht von selbst wieder aufhört. Hier liegt der Schlüssel. Bei dem Mann ist es die Vermeidung: Jedes Mal, wenn er einen Weg nicht antritt, sinkt kurzfristig die Anspannung, und langfristig wird die Welt enger. Die Erleichterung im Moment ist genau das, was das Muster stabilisiert.

Diese drei Ebenen zu trennen, ist nicht akademisch. Sie führen zu unterschiedlichen Behandlungsansätzen. Prädisponierende Faktoren lassen sich nicht ändern, aber verstehen. Auslösende Faktoren sind vergangen, aber verarbeitbar. Aufrechterhaltende Faktoren sind das, woran eine Behandlung tatsächlich ansetzen kann. Deshalb müssen sie benannt sein, bevor man beginnt.

Was eine Diagnosenliste verschweigt

Ein zweiter Punkt, den ein Störungsmodell leistet: Es beschreibt Beziehungen.

Wenn jemand drei Diagnosen hat, sagen wir Depression, soziale Angststörung und eine Alkoholproblematik, dann steht in der Akte eine Aufzählung. Was dort nicht steht, ist die Frage, die alles entscheidet: Wie hängen die drei zusammen?

Trinkt er, weil er depressiv ist? Ist er depressiv, weil das Trinken sein Leben zerstört hat? Meidet er Menschen, weil er sich für das Trinken schämt? Oder trinkt er, um Menschen ertragen zu können?

Jede dieser Konstellationen führt zu einer anderen Behandlung. Und die Diagnosenliste sagt über keine davon etwas aus. Sie benennt drei Zustände und schweigt über ihre Beziehung.

Vier Zugänge statt einer Erzählung

Wenn das Gesagte allein nicht trägt, braucht es mehr. In unserer Praxis sind es vier Zugänge, die sich gegenseitig prüfen.

Die eigene Schilderung bleibt der Ausgangspunkt und der wichtigste Zugang. Aber sie wird ausführlich erhoben, nicht abgefragt: Entwicklung, Schule, Beziehungen, Arbeit, Erkrankungen, frühere Behandlungen. Vieles, was entscheidend ist, taucht erst auf, wenn Zeit dafür da ist.

Die Sicht von außen. Angehörige, Partnerinnen, Unterlagen aus früheren Lebensabschnitten. Nicht, weil man Patienten misstraut, sondern weil Selbstwahrnehmung systematisch verzerrt ist, bei allen Menschen, in alle Richtungen. Wer sich seit zehn Jahren für faul hält, berichtet anders als jemand, der dieselben Schwierigkeiten für eine Erkrankung hält.

Standardisierte Verfahren. Sie ersetzen das Urteil nicht, aber sie schaffen Vergleichbarkeit. Ein Testergebnis sagt, wo jemand im Verhältnis zu anderen steht. Das ist mehr, als ein Eindruck leisten kann.

Der klinische Eindruck. Der am meisten unterschätzte Zugang. Was wie Intuition wirkt, ist verdichtete Erfahrung: Wer über Jahre tausende Menschen in psychischen Ausnahmezuständen gesehen hat, erkennt Muster, bevor er sie benennen kann. Dieser Eindruck ist kein Beweis und darf nie allein stehen. Aber er zeigt, wo man genauer hinsehen muss.

Erst wenn diese vier Zugänge in dieselbe Richtung weisen, ist eine Einschätzung belastbar. Gehen sie auseinander, ist das kein Problem, sondern eine Information: Dann stimmt an der ersten Hypothese etwas nicht.

Zwei Fragen, die dazugehören

Zwei Fragen gehören zu einer vollständigen Untersuchung, die außerhalb der Gutachtenwelt selten gestellt werden.

Passt die Darstellung zum Befund? Nicht als Misstrauensfrage, sondern als methodische Selbstverständlichkeit. Menschen stellen sich unbewusst anders dar, wenn viel von einer Einschätzung abhängt, und zwar in beide Richtungen. Manche untertreiben aus Scham. Andere betonen stärker, weil sie fürchten, nicht ernst genommen zu werden. Beides ist menschlich, und beides muss man mitdenken.

Was ändert sich, wenn die Diagnose gestellt ist? Diagnosen haben Folgen jenseits der Behandlung. Sie können entlasten, weil endlich ein Name da ist. Sie können Ansprüche begründen. Sie können aber auch zu einem Teil der Identität werden, an dem festzuhalten schwerer wiegt als gesund zu werden. Wer das nicht mitbedenkt, übersieht einen Faktor, der den Verlauf mitbestimmt.

Diese Fragen zu stellen bedeutet nicht, Beschwerden anzuzweifeln. Es bedeutet, den Menschen ernster zu nehmen als seine Diagnose.

Drei Fragen, die Sie sich stellen können

Wenn Sie in Behandlung sind und das Gefühl haben, dass sich nichts verändert, ist das ein ernstzunehmender Hinweis. Nicht weil Sie es besser wüssten, sondern weil Sie die einzige Person sind, die über alle Ihre Lebensjahre verfügt.

Erklärt die Diagnose alles, was Sie erleben? Wenn regelmäßig etwas übrigbleibt, das nicht dazu passt, ist das ein Hinweis.

Wurde nach der Vorgeschichte gefragt? Nicht nach den letzten sechs Monaten, sondern nach dem Leben davor. Wenn nicht, fehlt eine ganze Ebene.

Wissen Sie, was Ihre Beschwerden aufrechterhält? Wenn Sie diese Frage nicht beantworten können, existiert vermutlich kein Störungsmodell. Und dann arbeitet die Behandlung mit einem Namen statt mit einer Erklärung.

Wie wir arbeiten

Am Ende unserer Untersuchung steht nicht nur eine Einordnung nach ICD-Kriterien. Es steht ein Modell: wie die Beschwerden entstanden sind, was sie aufrechterhält, wie sie zusammenhängen und wo eine Behandlung ansetzen kann.

Dieses Modell steht im Befund, in einer Sprache, die Sie verstehen und mit der Ihre Behandler arbeiten können. Es kann bestätigen, was Sie bereits wussten. Es kann auch ergeben, dass etwas anderes vorliegt.

Eine Abklärung, die beides zulässt, ist die einzige, die sich lohnt.

Wenn Sie unsicher sind, ob eine Abklärung in Ihrem Fall sinnvoll ist: Wir klären das in einem kostenfreien Orientierungsgespräch. Darin sagen wir Ihnen auch, wenn eine Untersuchung bei uns nicht das Richtige wäre.

— Dr. S. Safi, M.Sc.

— Dr. S. Safi, M.Sc.

AUS DEM WISSENSBEREICH

AUS DEM WISSENSBEREICH

Weitere Beiträge

Weitere Beiträge

Weitere Texte zu Diagnostik, Krankheitsbildern und dem Weg zu einer belastbaren Einordnung.

Weitere Texte zu Diagnostik, Krankheitsbildern und dem Weg zu einer belastbaren Einordnung.

ClearPath

Die komplexe PTBS ist seit der ICD-11 eine eigene Diagnose. Woran man sie erkennt, wie sie sich von der PTBS unterscheidet und wie die Abklärung abläuft.

ClearPath

Die Zahl der ADHS-Diagnosen bei Erwachsenen hat sich in zehn Jahren verdreifacht. Der Grund liegt weniger in einem Trend als in einer Diagnostik, die Erwachsene jahrzehntelang nicht vorgesehen hat.

Häufige Fragen.

Die wichtigsten Antworten vorab.

Weitere Fragen klären wir schriftlich oder im kostenfreien telefonischen Orientierungsgespräch.

Brauche ich eine Überweisung?

Brauche ich eine Überweisung?

Nein. Alle Leistungen erfolgen auf Selbstzahlerbasis; eine Überweisung ist nicht erforderlich. Ob Ihre Versicherung Kosten übernimmt, klären Sie bitte vorab dort.

Ist das eine Kassenleistung?

Ist das eine Kassenleistung?

Nein. Wir arbeiten ausschließlich privat, unabhängig von Ihrem Versicherungsstatus. Sie erhalten eine Rechnung nach der geltenden Gebührenordnung.

Geht das auch online?

Geht das auch online?

Wir untersuchen bundesweit und weitgehend über einen zertifizierten Videodienst. Nur in einzelnen Konstellationen ist ein Termin in unserer Praxis in Großhansdorf erforderlich. Ob dies bei Ihnen zutrifft, klären wir vor Beginn der Untersuchung.

Wie schnell bekomme ich einen Termin?

Wie schnell bekomme ich einen Termin?

Bei der Autismus-Abklärung, der kombinierten Abklärung von Autismus und ADHS sowie der Trauma- und Dissoziationsdiagnostik findet die erste Untersuchung spätestens eine Woche nach Ihrer schriftlichen Kostenbestätigung statt. Den Termin für den Befundbericht nennen wir vor Beginn verbindlich. Termine für andere Leistungen vereinbaren wir individuell.

Wer behandelt mich?

Wer behandelt mich?

Die erste fachliche Klärung übernimmt Dr. Safi. Wer Sie anschließend behandelt, stimmen wir nach Fragestellung und Passung ab und benennen es Ihnen vorab.

Erstellen Sie auch Gutachten?

Erstellen Sie auch Gutachten?

Ja, forensisch-psychologische und sozialmedizinische Gutachten für Gerichte, Staatsanwaltschaften und Kostenträger, mit verbindlicher Fristzusage vor Annahme.

Ihre Fragen.
Beantwortet.

Die wichtigsten Antworten vorab. Weitere Fragen klären wir schriftlich oder im kostenfreien telefonischen Orientierungsgespräch.

Brauche ich eine Überweisung?

Brauche ich eine Überweisung?

Nein. Alle Leistungen erfolgen auf Selbstzahlerbasis; eine Überweisung ist nicht erforderlich. Ob Ihre Versicherung Kosten übernimmt, klären Sie bitte vorab dort.

Ist das eine Kassenleistung?

Ist das eine Kassenleistung?

Nein. Wir arbeiten ausschließlich privat, unabhängig von Ihrem Versicherungsstatus. Sie erhalten eine Rechnung nach der geltenden Gebührenordnung.

Geht das auch online?

Geht das auch online?

Wir untersuchen bundesweit und weitgehend über einen zertifizierten Videodienst. Nur in einzelnen Konstellationen ist ein Termin in unserer Praxis in Großhansdorf erforderlich. Ob dies bei Ihnen zutrifft, klären wir vor Beginn der Untersuchung.

Wie schnell bekomme ich einen Termin?

Wie schnell bekomme ich einen Termin?

Bei der Autismus-Abklärung, der kombinierten Abklärung von Autismus und ADHS sowie der Trauma- und Dissoziationsdiagnostik findet die erste Untersuchung spätestens eine Woche nach Ihrer schriftlichen Kostenbestätigung statt. Den Termin für den Befundbericht nennen wir vor Beginn verbindlich. Termine für andere Leistungen vereinbaren wir individuell.

Wer behandelt mich?

Wer behandelt mich?

Die erste fachliche Klärung übernimmt Dr. Safi. Wer Sie anschließend behandelt, stimmen wir nach Fragestellung und Passung ab und benennen es Ihnen vorab.

Erstellen Sie auch Gutachten?

Erstellen Sie auch Gutachten?

Ja, forensisch-psychologische und sozialmedizinische Gutachten für Gerichte, Staatsanwaltschaften und Kostenträger, mit verbindlicher Fristzusage vor Annahme.

Weitere Fragen klären wir schriftlich oder im kostenfreien telefonischen Orientierungsgespräch.

Häufige Fragen.

Die wichtigsten Antworten vorab.

Weitere Fragen klären wir schriftlich oder im kostenfreien telefonischen Orientierungsgespräch.

Brauche ich eine Überweisung?

Brauche ich eine Überweisung?

Nein. Alle Leistungen erfolgen auf Selbstzahlerbasis; eine Überweisung ist nicht erforderlich. Ob Ihre Versicherung Kosten übernimmt, klären Sie bitte vorab dort.

Ist das eine Kassenleistung?

Ist das eine Kassenleistung?

Nein. Wir arbeiten ausschließlich privat, unabhängig von Ihrem Versicherungsstatus. Sie erhalten eine Rechnung nach der geltenden Gebührenordnung.

Geht das auch online?

Geht das auch online?

Wir untersuchen bundesweit und weitgehend über einen zertifizierten Videodienst. Nur in einzelnen Konstellationen ist ein Termin in unserer Praxis in Großhansdorf erforderlich. Ob dies bei Ihnen zutrifft, klären wir vor Beginn der Untersuchung.

Wie schnell bekomme ich einen Termin?

Wie schnell bekomme ich einen Termin?

Bei der Autismus-Abklärung, der kombinierten Abklärung von Autismus und ADHS sowie der Trauma- und Dissoziationsdiagnostik findet die erste Untersuchung spätestens eine Woche nach Ihrer schriftlichen Kostenbestätigung statt. Den Termin für den Befundbericht nennen wir vor Beginn verbindlich. Termine für andere Leistungen vereinbaren wir individuell.

Wer behandelt mich?

Wer behandelt mich?

Die erste fachliche Klärung übernimmt Dr. Safi. Wer Sie anschließend behandelt, stimmen wir nach Fragestellung und Passung ab und benennen es Ihnen vorab.

Erstellen Sie auch Gutachten?

Erstellen Sie auch Gutachten?

Ja, forensisch-psychologische und sozialmedizinische Gutachten für Gerichte, Staatsanwaltschaften und Kostenträger, mit verbindlicher Fristzusage vor Annahme.